Feuertaufe auf der Nordschleife

Ich fahre die Seitenscheibe herunter, strecke den Arm heraus und stecke das Ticket in den Automaten. Die Schranke öffnet sich. Was nach der Einfahrt in eine Tiefgarage klingt, ist tatsächlich das Tor zur „Grünen Hölle“, der Spitzname der Nürburgring-Nordschleife. Hier soll mein VW Scirocco, zweieinhalb Jahre nach dem Kauf, endlich seine Kurvenqualitäten unter Beweis stellen. Das Wetter ist optimal: trocken, leicht sonnig, der Thermometer zeigt 15 Grad. Trotzdem bin ich nervös. Geschichten von Hobbyfahrern, die sich auf der Rennstrecke übernommen haben oder von anderen Touristenfahrern abgeschossen wurden, gibt es schließlich zuhauf.

Nürburgring-Nordschleife

Auf Höhe des Tiergartens geht es los, ich gebe Gas und tauche mit Schwung in die Kurven des Hatzenbachs ein. Die ersten Links-Rechts-Schikanen dienen der Rückmeldung. Wie ist der Grip? Greifen die Pneus? Und wie verhält sich das mit  fast 1400 Kilogramm nicht allzu leichte Sportcoupé in der Extremsituation? Es schiebt erwartungsgemäß über die Vorderräder. Nicht viel, aber genug, um die Grenzen nicht voll umfänglich ausloten zu wollen.

Ich hefte mich an das Heck eines Golf-R-Fahrers, der mir in gewisser Weise die Ideallinie und die Bremspunkte vorgibt. Auf der langen Gerade der Quiddelbacher Höhe spielt er natürlich die 130 Mehr-PS aus, auf Höhe des Flugplatzes gewinne ich aber wieder Anschluss. Es kommt zu einem der zahlreichen Überholmanöver, die von den Fahrern hohe Wachsamkeit erfordern. Von hinten nähert sich rasant eine kreischende Rennmaschine, der Motorradfahrer will vorbei. Ich setze den Blinker rechts und lasse ihn gewähren. Die gehobene Hand zum Dank, weiter geht’s.

Im Schwedenkreuz klettert der Tachometer auf über 180 km/h, ehe die Strecke auf den Aremberg führt. Die Reifen wimmern in der Kurve leise, der Scirocco ist souverän und zeigt mir das, was er kann und was er nicht kann. Und er kann viel: 160 km/h in der Fuchsröhre packt er locker, die Schikanen des Adenauer Forsts bügelt er weg und beschleunigt satt wieder heraus. Allerdings mache ich auch nicht den Fehler der letzten Fahrt, die zweite, sich immer weiter zuziehende Kurve des Adenauer Forsts zu unterschätzen. Also stark in die Bremse und früh in den Scheitelpunkt. Der Golf R ist nun direkt vor mir. Vollgas in das Metzgesfeld, erst im vierten, dann im dritten Gang durch die Kurven des Kallenhard.

Höhe Breidscheid: Ein Streckenwart fährt langsam über die Strecke. Ist hier eine Gefahrenstelle, etwas passiert? Nur zögerlich fahre ich vorbei. Als ich merke, dass es sich dabei offenbar um eine Routine-Kontrollfahrt handelt, trete ich wieder aufs Gaspedal. Wie jedes Mal bewundere ich den anschließenden steilen Aufgang zur Ex-Mühle. Das massive Drehmoment des 2,0-Liter-TDI bügelt die Steigung aber flach. Zwischen Bergwerk und Klostertal wird es eine Fahrt gegen zwei Fronten: vorne der Golf R und ein befreundeter Octavia RS, hinten ein sich immer schneller nähernder Honda. Im Kesselchen ziehe ich zwar am Skoda vorbei, kurz darauf muss ich aber für drei andere Autos Platz machen. Vor der Einfahrt in die Steilkurve des Karussels drängt ein BMW M3 im engen Streckenabschnitt auf Überholung. Ich ziehe nach rechts und dann wieder schnell nach links, um nach unten ins Karussel einzutauchen. Der erste stressige Moment. Die Betontplatten rütteln mich und das Auto ordentlich durch, ehe sie uns in das letzte Drittel der Nürburgring-Nordschleife schicken.

VW Scirocco auf Nürburgring

Ich bin zwar noch immer angespannt, erhalte aber ein immer besseres Gefühl für mein Auto im Grenzbereich. Eine Selbstssicherheit, die ich kurz darauf in der Einfahrt ins Brünnchen gut gebrauchen kann: Außen in der Linkskurve positioniert, um innen ein schnelleres Auto vorbeizulassen, wird der Sicherheitsabstand zu den Kurbs mit der zulaufenden Kurve immer knapper. Ich bremse nur leicht an, um die spurgebende Hinterachse nicht allzu sehr zu entlasten, und lenke stark ein. Der Abstand zur Bande wird wieder größer, die Erleichterung auch. Ich atme auf. Die letzte große Herausforderung der Runde ist genommen.

Auch die verbliebenen Kurven des Pflanzgartens und des Schwalbenschwanzes nimmt der Scirocco souverän. Mit fast 200 km/h schießen wir schließlich in die Zielgeraden der Döttinger Höhe – angestrengt, angespannt, aber glücklich. Feuertaufe? Bestanden.