Der Wind frischt auf – Aufbereitung meines 32B Passats

Mit der Hand lassen sich durch die Wendebewegung im Ellenbogen oder durch die Innen- und Außenrotation des Schultergelenks kreisförmige Bewegungen machen. Wichtig, um etwa das Lenkrad zu drehen oder aber um das zu machen, was ich in diesem Moment tue: den Waschhandschuh in kreisförmigen Bewegungen über den Lack meines VW Passat 32B von 1987 zu führen. Wie ich heute und in den darauffolgenden zwei Tagen lernen werde, setzen die allermeisten Schritte bei einer Fahrzeugaufbereitung kreisförmige Bewegungsabfolgen voraus. Dabei werden nicht nur das Schultergelenk, Elle und Speiche oder die Armmuskulatur auf eine Belastungsprobe gestellt, die Kernsäuberung des alten Volkswagens mit etlichen Wasch-, Polier- und Versieglungsdurchgängen wird auch meine Ausdauer an ihre Grenzen führen.

Aufbereitung für VW Passat 32B

Fast wäre es aber gar nicht so weit gekommen: Wenige Monate zuvor fand der betagte Kombi bei mir sein neues Zuhause, sollte aber auch sofort kosmetische wie im wahrsten Sinne substanzielle Zuwendungen kriegen. Erstrahlten einige, zuvor rostige Karosserieteile wenige Wochen später in neuem Blech und Lackglanz, war es um die Zylinderkopfdichtung deutlich weniger gut bestellt. Der VW Passat 32B rollte wenige Meter vom Garagenhof der Werkstatt, ehe der Auspuff im Stile einer Nebelmaschine großes Unheil verkündete. In kreisförmiger Bewegung, sprich Wenden, ging es also zurück auf die Hebebühne. Der Saisonstart vertagt, die Lackaufbereitung in weite Ferne gerückt. Oder? Wenige Tage vor der Verabredung mit meinem guten Freund und Cardetailer Sebastian beglückte ich die Werkstatt mal wieder mit meiner Aufwartung und der immer gleichen Frage: „Wann ist der Passat fertig?“ Und diesmal gab es keine  ausweichende Antwort, diesmal gab es ein „Rechtzeitig zur Aufbereitung“.

Aufbereitung für VW Passat 32B

Zurück in der Selbstwaschanlage bei Iserlohn: Unter Anleitung von Sebastian führe ich den schmutzigen Waschhandschuh in einen der beiden Eimer, wringe ihn aus und tauche ihn in den benachbarten Eimer mit Waschemulsion. Kreisförmige Bewegungen von vorne bis hinten, von oben bis unten, bis der Lack nach zwei Stunden endlich sauber ist. „Sauber?“ Sebastian muss lachen. „Das, was sauber aussieht, ist nicht sauber. Ich zeige dir, was sauber wirklich ist.“ Sagte es, wirft all den Zubehör zur Handwäsche in sein Auto und bittet mich schließlich, ihm zu seiner Halle zu folgen. Dort sollen die nächsten Schritte der durch ihn akribisch geplanten Aufbereitung meines alten Passats folgen. Schon Wochen zuvor hat er sich in die Materie eingelesen und sich Arbeitsgänge notiert, die sogar für ihn eine Herausforderung darstellen. Im Kampf gegen einen sichtbar stumpf gewordenen Lack mit mal mehr oder weniger feinen Kratzern und ausgeblichenen Kunststoffleisten.

Aufbereitung für VW Passat 32B

Am nächsten Morgen teilen wir uns die erste Arbeit auf: Während ich meinen Arm erneut mit kreisförmigen Bewegungen malträtiere, diesmal aber nicht mit einem Waschhandschuh, sondern mit Knete und Gleitmittel bewaffnet, traut sich Sebastian an eine etwas diffizilere Aufgabe heran: Motorwäsche. Während andere unüberlegt eine Waschlanze in die Front reinhalten würden, stattet er sich mit einem Drucksprüher, einem Pinsel und entsprechend wasserarmen Putzmitteln aus. Die Batterie abgeklemmt und empfindliche Bereiche mit Plastiktüten abgedeckt, startet er also die Sisyphosarbeit, jahrzehntealten Dreck möglichst trocken aus dem Motorraum herauszukriegen. „Ich denke, ich bin mit meiner Aufgabe gut bedient“, schießt es mir durch den Kopf, während die Knete kreisförmig über den Lack gleitet. Die letzten verbliebenen Dreckeinschlüsse werden herausgeholt, um endlich mit der eigentlichen Aufbereitung zu beginnen: polieren, polieren und nochmals polieren.

Aufbereitung für VW Passat 32B

Vor der Halle den Passat flugs mit einem Wasserschlauch abgeduscht, kommt in der Halle der Kompressor zum Einsatz, um den Motorraum endgültig trocken zu legen. Genauso akribisch, wie Sebastian schon bei der Wäsche und am Motorraum vorging, startet er auch die Vorbereitungen für die Politur: Mit einem Lackmessgerät kontrollieren wir die Dicke der obersten Farbschicht, die – in Relation zu modernen Autos – recht dick ist. Doch Vorsicht! Einmal runterpoliert, lässt sich so ein Lack doch nur schlecht wieder auftragen. Bereiche, die nicht poliert werden sollen, kleben wir also entsprechend ab. Die erste, gröbere Politur verteilen wir – Überraschung: nicht kreisförmig –  im sogenannten Kreuzstrichverfahren über den gesamten Lack, vermeiden aber bereits durch Lackabplatzer geschädigte Lackstellen und die ganz neu lackierten Bereiche an dem Tankstutzen und den Endspitzen. „Das Ergebnis war schon ganz zufriedenstellend, jedoch sollte was Glanz und Haptik angeht noch mehr Potenzial da sein“, kommentiert Sebastian das Zwischenfazit und leitet Politurenrunde zwei ein.

Aufbereitung für VW Passat 32B

War ich in der ersten Runde eher der Assistent, arbeiten wir in der zweiten Politurrunde Schulter an Schulter: „Da die Premium Hand-Glanzpolitur aus einer schleifmittelfreien Rezeptur besteht und rein chemisch wirkt, darf diese nicht eintrocknen“, erklärt mir Sebastian. Bedeutet, er trägt die Politur erneut im Kreuzstrich auf, ich darf sie wieder in der geliebten Kreisbewegung aufnehmen und den Lack schließlich hochglanzpolieren. Apropos Hochglanz! Der mittlerweile durchgetrocknete Motorraum sollte auch noch seinen Glanz erhalten. Die Engine Dressing genannte Motorkonservierung nebelt Sebastian unter meiner Beobachtung über den Motorraum. Schwer zugängliche Stellen arbeitet er hingegen mit dem Lappen nach. Ist das geschafft, sind wir geschafft. Tag zwei der Aufbereitung geht zu Ende und wir geradewegs in unsere Betten.

Aufbereitung für VW Passat 32B

Nach – zumindest gefühlt – unzähligem Waschen und Polieren soll das Ergebnis ja auch etwas vorhalten, weshalb Tag drei nicht nur der fälligen Innenraumpflege, sondern auch der Lackkonservierung gewidmet ist. Es ist ja nicht so, als sei der Lack nicht schon sauber. Weshalb wir vor der Versiegelung den Lack noch einmal mit einem entsprechenden Pflegeprodukt reinigen. Sprich: in kreisförmiger Bewegung aufgetragen, eintrocknen lassen und mit dem Microfasertuch ebenfalls wieder in Kreisen abtragen. Gleiches Spiel bei der Versiegelung! Was sich in wenigen Zeilen niederschreiben lässt, ist dann doch eine etwas langwierigere Prozedur. Zumal es mit der Lackkonservierung ja nicht getan ist. Die in gut drei Jahrzehnten schon deutlich verwitterten Kunststoffleisten und mitgenommenen Scheiben sollen ja schließlich auch wieder in neuem Glanz erstrahlen. Vier Kunststoffpflegeprodukte treten dabei im direkten Vergleich zueinander an, in basisdemokratischer Abstimmung entschieden wir uns für das von Meguiars. Nachdem alle möglichen Kunststoffteile mit einem kleinen Auftragsschwamm bearbeitet wurden, polieren wir auch noch die Scheiben – sowohl von innen als auch von außen. Und wenn man schon dabei ist, kann man sie ja auch noch direkt versiegeln.

Aufbereitung für VW Passat 32B

Sind wir damit fertig? Noch lange nicht! Glänzt das Äußere wie eine Speckschwarte, steckt in den Polstern der Sonderausstattung „Trophy“ noch immer der Dreck von annähernd drei Jahrzehnten: Eine Mission, die geradezu perfekt für einen Nasstrockensauger geschaffen ist. Die Sitzpolster der Rücksitzbank bauen wir zu diesem Zweck aus und bereiten die Stoffe mit einem Polsterreiniger auf die gründliche Wäsche vor. Jetzt darf der Kärcher Waschsauger SE 4001 groß auftrumpfen: Mit Druck bläst der Nasstrockensauger gut verdünntes Reinigungsmittel in die Stoffe rein und zieht es auch sofort wieder raus. Die Teppiche und die Vorder- und Rücksitze auf diese Weise grundgereinigt, zeigt das Brackwasser im Sauger, wie viel Dreck sich über die Jahre angesammelt hat – geradezu sinnbildlich für unsere Arbeit am Passat. Jetzt, nach zweieinhalb Tagen, können wir das Reinigungsarsenal endlich auf die Seite legen und unsere ermatteten Arme baumeln lassen. Es war ein Kraftakt, der sich aber in einem perfekten Ergebnis widerspiegelt. Der VW Passat 32B glänzt wie wohl noch nie zuvor!

Aufbereitung für VW Passat 32B

Mit diesem Beitrag möchte ich mich noch einmal bei Sebastian für sein unglaubliches Engagement bei unserer gemeinschaftlichen Aufbereitung von 2014 bedanken, mein Dank gilt zusätzlich den großartigen Helfern Frederik und Henning. Wer jeden einzelnen Schritt und die verwendeten Pflegemittel nachlesen möchte, dem lege ich den zugehörigen Beitrag von Sebastian im Autopflegeforum ans Herz: Link. Zusätzlich bietet er auf seinem Facebook-Blog „Tyri’s Car Detailing“ Einblicke in Autoaufbereitungen aller Art: Link!
Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Werbeanzeigen

Ein Vergleich, der keiner sein darf

Der Wagen schüttelt sich, ich mühe die Gangschaltung, manchmal schwergängig wegen der hydraulichen Kupplung, und hakel den Ganghebel mit dem sich ständig drehenden Schaltknauf in den nächsten Gang. Ich gebe Gas, garniert vom typisch unruhigen Fünfzylinder-Sound. In meinem 1987er VW Passat 32B fahre ich meinem Vater hinterher. Er seinerseits in einem Passat, allerdings dem B8 von 2015. Wir sind auf den Weg zum Hamburger Hafen, zur Freifläche nahe der MS Stubnitz am Rande der Hafen City. Inmitten von Brachflächen, die schon bald keine mehr sein werden. Unsere beiden Passats kommen nebeneinander zum Stehen, kurz vor der Kaimauer, wenige Meter vor dem kalten Grau der Elbe.

VW Passat 32B & VW Passat B8

Die Kulisse, vor der die beiden Autos stehen, ist sinnbildlich. Dort der schmutzige, pulsierende Hafen, hier die Hafencity, die Moderne, das Sterile. Zwei Autos, die zwar ein und denselben Namen tragen und doch grundverschieden sind. Was gut dreißig Jahre bedeuten können, in denen der Euro die D-Mark verdrängt, das geteilte Deutschland sich wiedervereint und das elektronische das mechanische Zeitalter abgelöst hat, zeigt nur ein Blick auf die beiden VW Passat. Die zweite Generation, der VW Passat 32B, die geradezu keck aus ihren eckigen Frontscheinwerfern in die Welt schaut und mit ihren kleinen, unlackierten Stoßstangen für heutige Verhältnisse geradezu zierlich dasteht. Daneben die achte Passat-Generation, der VW Passat B8 – selbstbewusst, breit und wuchtig. Der Blick? Streng und kritisch. Perfektion ist der Begriff, den dieser VW ganz für sich zu vereinnahmen scheint.

VW Passat 32B & VW Passat B8

Perfektion, mit der ein VW Passat 32B von 1987 nicht dienen kann. Schon für damalige Verhältnisse war der Oldie ein Spätzünder in der Sicherheitstechnik. Fuhr ein Ford Scorpio seinerzeit schon serienmäßig mit ABS durch die Gegend, war ausschließlich für den allradgetriebenen Syncro ABS erhältlich – gegen einen Aufpreis von über 3000 D-Mark! Von Airbags, ESP oder Assistenzsystemen mal ganz zu schweigen. Dinge, die für den jüngsten aller Passats so selbstverständlich sind, wie für junge Leute wie mich das Smartphone. Setze ich mich in den VW Passat B8, der außen wie innen den gleichen kühlen Perfektionsmus verströmt, beantwortet sich womöglich die Frage, warum Assistenzsysteme in aller Munde sind. Die Umwelt ist weit entrückt, schmale und hinten zusätzlich getönte Scheiben engen das Sichtfeld in jeglicher Richtung ein. Und spätestens die für Karosseriesteifigkeit und Airbags so dicken Säulen nehmen einem die letzte Chance, das Auto ordentlich einschätzen zu können.

VW Passat 32B & VW Passat B8

Ganz anders im VW Passat 32B, der einem so viel schmächtiger und zierlicher vorkommt. Und er ist es auch: eine Smartphone-Länge schmaler, in der Länge macht der Größenunterschied sogar schon ein ganzes Tablet aus. Und wer wie ich das Vergnügen hat, sich in den Oldie setzen und ihn durch volle Innenstädte wie Hamburg fahren zu können, wird sich zwangsläufig an den (gläsernen) Schneewittchensarg erinnert fühlen. Von allen Seiten dringt Licht herein, viel Licht sogar. Große Fensterflächen und dünne Holme ermöglichen eine super Rundumsicht, garniert von den so dünnen, kaum gedämmten Türen, die das Verkehrsgeschehen physisch und akustisch ganz nah heranlassen. Ebenso nah und direkt vor der Nasenspitze sitzt die recht steile Windschutzscheibe.

VW Passat 32B & VW Passat B8

Doch sitzt man im alten VW Passat 32B nicht nur näher an Frontscheibe oder Türen, sondern insgesamt auch einfach beengter. Vor meiner Nase baut sich ein Armaturenbrett auf, über das der junge Bruder nur lachen könnte. Mit Spaltmaßen, wie sie Spaltmaßenpapst Ferdinand Piëch oder Ex-VW-Chef Winterkorn gehasst hätten, mit hartem Plastik und nur karg beleuchtet. Es mutet schon fast ironisch an, dass ich bei jeder Fahrt aufs Neue eine Ablagefläche für mein Handy suche. Eine Marotte eines alt-ehrwürdigen Autos. So wie eine der beiden spärlich leuchtenden LED, ach, was sage ich … Glühbirnchen im Tacho, die regelmäßig ausfällt. Was bei einem modernen Auto – etwa dem VW Passat B8 – für Ärger sorgen würde, lässt mir beim Oldie das Herz aufgehen. Ein Auto mit Ecken, Kanten – und einem nicht mehr zeitgemäßen Spritverbrauch.

VW Passat 32B & VW Passat B8

Acht, neun oder sogar mal zehn Liter gönnen sich die fünf Töpfe unter der Tischtennisplatten-großen Motorhaube auf hundert Kilometer. Für ein Auto dieser Größe in heutigen Zeiten ein Unding, so die scheinbar einhellige Meinung. Dass mit dem Sparwahn und dem Downsizing aber auch oft der Fahrspaß bergab geht, beweist der Oldie auch – und dreht dem nagelnden Diesel-Kollegen eine lange Nase. Sein 2,2-Liter-Fünfzylinder schnoddert trotz serienmäßiger Auspuffanlage den typisch sonor-kernigen Motorsound in die Umwelt, macht mit steigender Drehzahl jede einzelne seiner 115 Pferdestärken spürbar und spätestens jenseits der 3000 Umdrehungen einen Krawall, wie man ihn bei einem Familienkombi jener Zeit kaum vermuten würde. Dass der VW Passat 32B mit seinen leichten 1120 Kilogramm trotzdem nicht mehr konkurrenzfähig ist, liegt am technologischen Fortschritt.

VW Passat 32B & VW Passat B8

„Du hast einen Turbo?“, staunt der VW Passat 32B. Zu seiner Zeit noch etwas ganz besonderes, ist der Turbolader spätestens mit der Erfolgsgeschichte des TDI salonfähig geworden. Trotz 0,2 Liter weniger Hubraum entwickelt der Passat der Gegenwart 150 PS, hat mit 340 Newtonmetern Drehmoment fast 200 mehr als sein Urahn und trotzdem sauberere Abgase. Katalysator und Partikelfilter schubsen den modernen TDI mit Euro 6 in eine Schadstoffklasse, die für den Oldie unvorstellbar gewesen sein muss. Und würden die beiden VW Passat gegeneinander antreten, so wäre der alte dem jungen hoffnungslos unterlegen. Doch wer wie der VW Passat B8 schneller weg ist, ist auch eher aus der Wahrnehmung. Und so bleiben: eine hakelige Gangschaltung, eine unzuverlässige Glühbirne im Tacho und ein herrlich unangepasster Fünfzylinder-Sound!

Merken

Das retardierende Moment

Was war das für ein Reinfall! Nahm ich doch extra einen Tag frei und verlängerte das Wochenende, um nach Bonn und zu meinem VW Passat 32B von 1987 zu fahren. Das Ziel war klar: ihn aus dem anderthalbjährigen Winterschlaf wecken. Doch anstatt an der Ölablassschraube zu drehen, rotierte vielmehr mein Magen – und der Passat blieb stehen.

VW Passat 32B in der Scheune

Was sich für mich stark nach der Dramatik einer griechischen Tragödie anfühlte – ähnlich steil ansteigend wie die Drehmomentkurve eines Lkw-Diesels. Nicht nur, dass der altgediente Variant seit Herbst 2015 unter seiner Schutzplane viel zu lange schon auf den nächsten Einsatz wartet. Nein, im Mai soll er doch auch endlich zu mir nach Hamburg ziehen – wofür er ja erstmal anspringen und durch die Hauptuntersuchung muss. Aber schon mit dem ersten Aprilwochenende und damit den ersten Wochenende nach der Krankheit fand die Tragödie ihr zumindest vorläufig gutes Ende. Sofern das retardierende, weil dramatisch hinauszögernde Moment nicht der Hauptuntersuchung überlassen ist – doch bin ich da durchaus guter Hoffnung. Zum einen sprang mein VW Passat 32B nicht nur bemerkenswert problemlos an – ein, zwei Mal hustete er kurz und drehte dann los, als habe er nie etwas anderes gemacht. Zum anderen aber nahm er auch prompt die ersten hundert Kilometer der Saison 2017 unter die Räder.

VW Passat 32B in der Saison 2017

Und auf jenen Kilometern merkte ich erst mal wieder, wie sehr ich meinen VW Passat 32B in den vergangenen anderthalb Jahren doch vermisst habe. Allein der Eigengeruch, der mich in die in diesem Zusammenhang schon öfters erwähnte Kindheit zurückversetzt. Da sind aber auch die großen Scheiben, die viel Licht in den Innenraum lassen – fast schon wie in einem dieser Alpen-Panoramazüge – und die Umwelt wieder ungewohnt naherücken. Das gleiche gilt für den im Vergleich zu modernen Autos doch so deutlich wahrnehmbaren Motor im Bug. Mit seinen 115 PS beschleunigt der Fünfzylinder den knapp über eine Tonne schweren Passat mit Leichtigkeit. Die Schaltung verlangt dabei eine gute Führung, das nicht ganz sauber zurückschwingende Kupplungspedal zudem einen flinken Fuß, der es wieder nach vorne zieht. Radio? Aus! Die zuvor abgeklemmte Batterie versetzte es in eine Schockstarre, die sich nur durch eine in Vergessenheit geratene PIN beenden lässt.

VW Passat 32B in der Saison 2017

Doch die Abwesenheit von Displays und Parkpipsern, die Reduzierung auf das Wesentliche und die typische Behäbigkeit eines alten Autos erzeugen eine Gelassenheit, die sich ganz und gar auf mich überträgt: Vorfreude, aber auch Nervosität, ob es nicht vielleicht doch Probleme geben könnte, wichen einem zufriedenen Grinsen, das sich weder beim Fahren noch beim Foto-Stop an meiner Lieblingsfotokulisse am Rhein ausknipsen ließ.

Im Passat durch Skandinavien

Mit dem Passat on the road: Was Anfang 2015 nur eine fixe Idee war, wurde im Sommer danach schließlich Realität eine Skandinavien-Trophy mit meinem VW Passat 32B von 1987.

Die Straße vor mir erstreckt sich kilometerlang in Richtung blauem Horizont, gesäumt von abertausenden Bäumen an beiden Seiten und dem zwischen ihnen hindurchglitzernden See. Während mein Vater und ich im alten VW Passat 32B über die breite Straße fahren, sehen wir keine Menschenseele. Hier, mitten in Schweden, liegen zwischen den teils so kleinen Ortschaften mehr als 30 Kilometer Entfernung, sodass wir auf der breite Straßen meistens für uns sind allein mit der Natur, dem herrlichen Sonnenschein und den Warnungen vor Skibobs oder Elchen, die ab und zu am Straßenrand zu lesen sind. Der Sommer lässt Skibobs natürlich weniger erwarten, aber auch die scheuen Elche lassen sich nicht blicken. Es ist so ruhig, wie es nur Landkinder kennen. Eine Ruhe, die lediglich vom gleichmäßig sonoren Ton des Fünfzylinders meines VW Passat 32B und des Fahrtwinds unterbrochen wird. Hektik ist ein Begriff aus einer anderen Welt, die wir für zwei Wochen hinter uns gelassen haben.

Sind wir wirklich in Paris? Mich wurmt das Straßenschild, meinen VW Passat 32B lässt es hingegen kalt.
Sind wir wirklich in Paris? Mich wurmt das Schild, den VW Passat 32B lässt’s kalt.

Hektik herrschte noch wenige Wochen zuvor, als wir unser ehrgeiziges Ziel in Angriff nahmen, mit dem alten VW Passat 32B in zwei Wochen quer durch Skandinavien zu fahren. Von der Heimat Bonn aus starteten wir mit einer gefühlten LKW-Ladung Anti-Mücken-Spray, einem Monatsvorrat Süßigkeiten und natürlich zwei Koffern voll Klamotten gen Norden. Bei ungemütlichem, für einen Sommer ungewöhnlich kühlem Wetter drehten wir die Heizung hoch, kuschelten uns in die auch nach 28 Jahren noch recht bequemen Sitze und ließen Deutschland im VW Passat 32B hinter uns. Mit der Ankunft im dänischen Skanderborg aber lichtete sich der Himmel, die Sonne brachte den See inmitten von unberührter Natur zum Glitzern. So viel Wald, so viel Wasser auf einem Fleck, eine Verheißung für den Roadtrip die sich aber erst so richtig mit Ankunft in Norwegen einlösen wollte. Für die Fährüberfahrt ging es, entlang von 1000 und einem Rastplatz, diagonal durch Dänemark bis zur Westküste, der wir in Richtung Hirtshals  dem Startpunkt der Fähre folgten. Mit einem kleinen Abstecher in den Küstenort Blokhus, in dem uns die Straße geradewegs auf den Strand führte: Flugs den VW Passat 32B geparkt, den Campingstuhl ausgepackt und die bis dato noch wenigen Sonnenstrahlen im Norden Dänemarks genutzt.

Im dänischen Blokhus darf der VW Passat 32B direkt auf den Strand.
Im dänischen Blokhus darf der VW Passat 32B direkt auf den Strand.

Die Sonnenstrahlen sollten in den folgenden anderthalb Tagen selten werden. Weder ließ sie sich über dem kleinen Campingplatz in Hjorring blicken, auf dem wir eine Unterkunft in der Größe eines Gartenhauses gemietet hatten, noch zeigte sie sich über Hirtshals oder bei der Überfahrt nach Norwegen. Mit viel Regen und gut 1200 absolvierten Kilometern im Gepäck starteten wir am norwegischen Küstenort Larvik in eine für uns gänzlich andere Welt. Auf einmal zeigte sich nicht nur die Sonne wieder in ihrer vollen Pracht, sie unterstützte auch die so viel buntere Welt Skandinaviens. Satt gelbe Rapsfelder, grau, braune Felsen und eine üppig-grüne Natur drumherum. Die Häuser, zumeist nicht aus Stein, sondern aus Holz im charakteristischen Rot. Die Farbe Rot sollte uns nicht nur am Streckenrand weiter folgen, sie nämlich entstand als Nebenprodukt der Kupferproduktion in Falun der Gegend um Rättvik. Doch bevor es uns kurz nach der Ankunft in Norwegen nach Rättvik verschlug, nahmen wir ab Larvik erst die Landstraße, dann die Autobahn gen Oslo und damit geradewegs ins schlechte Wetter. Mal wieder. Oslo ist erstaunlich kompakt, in gut anderthalb Tagen bequem zu erlaufen. Doch, was uns auch mit dem VW Passat 32B nicht recht gelingen wollte, schafften wir erst recht nicht zu Fuß. Das schlechte Wetter verfolgte uns bis zur Stadtgrenze Oslos, quasi bis zur Grenze nach Schweden.

Alter Deutscher vor altem Schweden: Der VW Passat 32B vor einem alten Landgut in Boda.
Alter Deutscher vor altem Schweden: Der Passat vor einem alten Landgut in Boda.

Hier, im Tiefen Westen Schwedens, zieht sich die Straße kilometerlang bis zum blauen Horizont, sofern man ihn vor lauter Bäumen überhaupt sieht. Durch diese glitzert immer mal wieder das Wasser der gefühlt tausenden Seen entlang der Strecke nach Rättvik. Beeindruckenden Weiten, eine unberühte Landschaft. Es wird still im VW Passat, denn es gibt viel zu sehen, bei gut 300 Kilometern pro Tag auch viele Eindrücke zu verarbeiten. Durch Rättvik hindurch, machen wir es uns in Boda gemütlich, einem noch kleineren Ort in der Hinterlandschaft Rättviks und bereits 1800 Kilometer von der Heimat entfernt. Hier haben wir uns auf einem ehemaligen schwedischen Bauernhof eingemietet. Es begrüßt uns der Hofhund, dessen schwedischer Name für die deutsche Sprache ein Zungenbrecher ist! Wir schlafen auf dem alten Speicher des Schuppens, um uns herum summt und brummt es, der Hund bellt, die Hühner gackern und auch eine Katze schaut vorbei und holt sich die verlässlichen Streicheleinheiten seiner Gäste ab. Und inmitten der Idylle der alte, blaue VW Passat 32B. Als hätte das Auto schon alles auf der Welt gesehen und wartete nur darauf, weiterzufahren. Das tut wir auch, für einen Tagestrip in Richtung Tällberg einem schönen kleinen Örtchen am Ufer des Siljansees. Am kleinen Jachthafen gönnen wir uns entspannte Stunden in der Sonne, lesen im Touristen-Führer, überlegen die weitere Route und genießen diese Ruhe. Kein Verkehrslärm, kein Großstadtrauschen, nur das leise Plätschern des Wassers am Ufer, das Zwitschern der Vögel und der leichte Wind im Ohr.

Mein VW Passat 32B und ich im schwedischen Tällberg.
Mein VW Passat 32B und ich im schwedischen Tällberg.

Am nächsten Tag, auf der Tour zur Universitätsstadt Uppsala, passiert der Kilometerzähler des alten VW Passat 32B die 300.000 Kilometer. Und genau bei 300.142 Kilometern kommen wir an der Ostküste Schwedens und in der Stadt an, in der immerhin gut 1/4 der 180.000 Einwohner studieren. Der Zeitpunkt ist gekommen, um dem Kantholz von Passat geparkt inmitten aller rundgelutschten modernen Autos eine Ruhepause zu gönnen. Mit dem Zug fahren wir in die gut 45 Minuten entfernte Hauptstadt Schwedens. In Stockholm treffen viele Nationalitäten auf einen wunderschönen, kaum von Industrie geprägten Hafen und auf bunte Häuserzeilen in der Altstadt. Stockholm zeigt uns aber auch: Schweden ist ein Land der Gegensätze. Hochmoderne Großstädte oder gar Metropolen wie Stockholm auf der einen Seite, Kieswege als Bundesstraßen auf der anderen wie uns die Strecke von Uppsala nach Kristinehamn vor Augen führt. Den robusten Stahlfelgen kann der hochspritzende Kies nichts anhaben, doch leidet die Windschutzscheibe des VW Passat 32B sichtlich. Nicht nur die unbefestigten Straßen sorgen für Einschläge, auch einer der vielen großen Holztransporte verewigt sich mit einem fiesen Steinschlag in unserer Frontscheibe. Ankunft in Kristinehamn. 2496 Kilometer liegen hinter uns. Halbzeit.

Gemeinsam im Abendrot von Uppsala: Mein VW Passat 32B und ich.
Gemeinsam im Abendrot von Uppsala: Mein VW Passat 32B und ich.

Auf der nächsten Etappe erwartet uns Trollhättan eingefleischte Autofans wissen, das war die Heimat der Pleite gegangenen Marke „Svenska Aeroplan Aktiebolaget“ (Saab). Eine unscheinbare Lagerhalle entpuppt sich hier als Spielwiese für Autofans: darunter Autos, von denen wohl manch einer nicht einmal weiß, dass sie Saab produziert hat. Beispiel: ein Subaru Impreza WRX Wagon, dessen Front der typische Saab-Grill ziert. Ob solch billige Plagiate das Ansehen Saabs verwässert und zum Niedergang geführt haben? Vermutlich schon, kommt der Gedanke mir beim Gang zur benachbarten Schleuse auf. In Trollhättan überwinden sechs Schleusen eine Höhe von 44 Meter, verbinden Trollhättan mit Stockholm und machten die Stadt zu einem wirtschaftlich bedeutenden Standort. Zurück am treu wartenden VW Passat 32B, fahren wir zum wunderschönen, allerdings auch touristisch arg überlaufenen Küstenort Fjällbacka. Der Charme des kleinen Orts ergibt sich nicht nur durch die gedrängte Lage der zahlreichen kleinen, typisch roten Häuschen direkt am Wasser mit Blick auf viele viele Schären, sondern auch durch einen gewaltigen Felsen im Ortskern. Er sieht aus, als habe Gulliver im Land der Liliputaner einen Kieselstein fallen lassen. Dort, von oben hoch über dem Ort, ergibt sich ein beeindruckendes Panorama.

Zwischenstation in Göteborg: Der VW Passat 32B umgeben von Kindern, seine Paraderolle.
Göteborg: Der Passat umgeben von Kindern, seine Paraderolle.

Nach der Übernachtung in einer urigen Jugendherberge auf der kleinen Insel Hamburgö, starten wir über die Kettenfähre wieder aufs Festland und in Richtung Süden. Nächste Station: Göteborg. Eine, mit der Charme Fjällbackas verglichen, deutlich weniger aufregende Stadt. Klar, die Altstadt hat ihren Reiz, doch vermag uns die überwiegend industriell geprägte Hafenstadt nicht zu fesseln. Vergleichsweise schnell geht’s deshalb mit dem VW Passat 32B weiter in Richtung Süden, zur Zwischenstation Halmstad auf dem Weg zurück nach Dänemark. Mit 301.000 Kilometer auf der Uhr, durch die Autobahn wieder einen Verbrauch von über acht Litern Benzin kommt der Passat am Fuße der Öresundbrücke zum Stehen. Es ist die weltweit längste Schrägseilbrücke für Straßen- und Eisenbahnverkehr. So monumental, dass wir für einen besseren Eindruck die Autobahn verlassen haben, um am Fuße der Brücke wieder aufzutauchen und die Aussicht auf das Bauwerk und den Öresund zu genießen.

Mit dem Passat am Fuße der schwedisch-dänischen Öresundbrücke.
Mit dem Passat am Fuße der schwedisch-dänischen Öresundbrücke.

Da wir vor den Toren Kopenhagens das Nachtlager aufgeschlagen haben, lassen wir den VW Passat 32B abermals stehen und fahren mit dem Zug in die schöne, bei tollem Wetter aber auch überfüllte Hauptstadt Dänemarks. Bewundernswert unaufgeregt und klein ist der königliche Palast; übrigens der ditte Königspalast auf unserer Route durch Norwegen, Schweden und nun Dänemark. Derart unauffällig, dass die Menschenmassen an ihm vorbeiziehen und viel lieber die „kleine Meerjungfrau“ belagern. Wie am Anfang unserer Route überfällt uns in Dänemark das schlechte Wetter: Odense, die nächste dänische Stadt auf unserer Fahrt, begrüßt uns von seiner grauen, nassen und ungemütlichen Seite. Es lässt nicht allzu viel erwarten, zumal sich das einzige Automuseum in der näheren Umgebung als Luftnummer herausstellt. Doch überrascht uns das Zentrum der mit 190.000 Einwohnern viertgrößten Stadt Dänemarks mit einer wunderschönen Altstadt, die sich touristisch ganz auf den berühmten Märchenautor und gebürtigen Odenser Hans Christian Andersen eingeschossen hat. Wie wir reingekommen sind, kommen wir auch wieder aus Odense und Dänemark raus: auf der Autobahn. Über die kehren wir auch im VW Passat 32B zwei Wochen nach unserem Start zurück nach Bonn und ziehen am Tag danach Bilanz: 14 Tage, 4354 Kilometer und 0 Probleme. 62 Stunden reine Fahrt in 14 Tagen Urlaub sind schneller herum als gedacht, die Erinnerungen aber bleiben ein Leben lang.