American Flair im Münsterland

Sie sind mir einfach zu klobig: die Amis. Und dicke V8 reißen die Design-Schnitzer in meinen Augen auch nicht mehr raus. Dass mit Thomas‘ 1983er Pontiac Parisienne und mir also Welten aufeinander prallen, ist nun wirklich keine Übertreibung. Doch was für ein Autofan wäre ich, die von Thomas angebotene Spritztour abzulehnen? Also entschließe ich mich, dem alten Blech aus Kanada eine Chance zu geben. Kanada? Ja, richtig gelesen: Die nun im Münsterland beheimatete Limousine mit den Ausmaßen eines Schlachtschiffes wurde zwar nicht in den USA gebaut, verkörpert dennoch all das, was einen amerikanischen Oldtimer so ausmacht: Unter der Haube ein schier riesiger V8 mit fünf Litern Hubraum, der überschaubare 150 PS entwickelt, eine plüschige Innenausstattung mit zwei couchartigen Sitzbänken vorne und hinten und eine Automatik mit Pistolengriff.

Pontiac Parisienne

So wie ich rechts neben Thomas im Stoff versinke, startet er seinen Parisienne und erweckt das Monstrum zum Leben. Währenddessen fällt mein Blick auf die für europäische Augen doch extrem eigenwillige Armaturentafel: hoch aufragend, aber in der Tiefe extrem flach. Ohne Mittelkonsole, weshalb der riesige Fußraum ins Auge sticht. Und jede Menge Holz, was aber tatsächlich keines ist, da aus Plastik. „Wenn der Motor kalt ist, hörst du ihn kaum“, erklärt Thomas schon auf den ersten Metern mit seinem Parisienne, weshalb das Kraftwerk unter der Motorhaube, groß wie eine Tischtennisplatte, kaum wahrzunehmen ist. Dass der Keilriemen auf den ersten Metern dafür umso lauter ist, könnte meine Vorurteile gegenüber Amis zwar bestätigen – aber fair wie ich bin, schreibe ich es dem Alter von 34 Jahren zu.

Pontiac ParisienneDer Pontiac hat eine Dreigang-Automatik, erfahre ich am Ortsausgang. Durch den Overdrive hat der Ami aber doch so etwas wie den vierten Gang, der geschmeidiges Cruisen im relativ Drehzahl-armen Bereich erlaubt. Eine Fähigkeit, die wohl so ziemlich allen Amis zugeschrieben wird und die ich prompt auch selbst erfahren darf – im wahrsten Sinne des Wortes. Thomas muss nämlich meinen mehr als interessierten Blick wahrgenommen haben, ignoriert glücklicherweise mein vorheriges Gekeile gegen alte Amis, fährt mit den Worten „Komm, kannst auch mal fahren“ rechts ran und lässt mich ans Steuer. Wie schon auf der Beifahrerseite, falle ich auch links beim Einstieg bis nach China, werde aber vom weichen, tiefbraunen Stoff wieder sanft aufgefangen. Nach Möglichkeiten, die Sitzposition zu ändern, brauche ich gar nicht erst zu suchen. Sie haben sich bei einer Sitzbank ohnehin erledigt.

Pontiac ParisienneKurze Erklärung zum Pistolengriff, der für mich – wie auch überhaupt mal einen Ami fahren zu können – eine waschechte Premiere ist. „Zu dir ziehen und dann den Gang einlegen, das war’s“, lautet Thomas‘ Erklärung. Gesagt – getan, mache ich mit dem Fuß auf der Bremse den Schulterblick, um mich wieder in den Verkehr einzufädeln. „Das ist aber wirklich ein Schlachtschiff“, denke ich beim Anblick auf das ewig lange Heck durch das so steile Heckfenster erneut. Bei der nächstbesten Lücke drücke ich aufs Gas und bin überrascht, wie schnell der Parisienne darauf reagiert. Und bin nochmal überrascht, wie träge dagegen die Lenkung ist. Gefühlt lässt sich das Lenkrad um 180 Grad drehen, ohne das etwas passiert. Tatsächlich aber benötigt der Pontiac schon eine Gedenksekunde, bis der Lenkbefehl an den Weißwand-bereiften Rädern ankommt. Gerade in den engen Kreisverkehren im Münsterland eine kleine Herausforderung.Pontiac Parisienne„Brems mal endlich“, kommt es plötzlich von rechts, als ich eine 90-Grad-Rechtskurve in dem von mir sonst gewohnten Tempo avisiere. Der Pontiac Parisienne ist zu groß, zu schwer und zu schwerfällig, um eine Kurve derart rasant zu nehmen. Überhaupt ist so etwas wie Dynamik für den Parisienne kein Thema: Er ist ein Gleiter, der den ruhigen Geradeauslauf schätzt und die zurückhaltende Fahrweise mit einer wogenden Federung dankt. Den linken Arm auf der Ellenbogenablage in der Tür und den rechten auf der Mittelarmlehne gestützt, nehme ich eine ähnliche Haltung ein wie beim Fernsehabend auf der Couch. Untermalt vom nun endlich auch bollernden V8-Sound, erhalte ich zum ersten Mal eine echte Vorstellung davon, was mit dem Cruisen auf Amerikas Highways gemeint sein könnte. Eine neue, ganz andere Form von Fahrspaß, wie ich beim Ausrollen auf Thomas‘ Garagenhof feststelle.

Info: Der 1983er Pontiac Parisienne steht zum Verkauf. Hier gibt es alle weiteren Informationen.

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