American Flair im Münsterland

Sie sind mir einfach zu klobig: die Amis. Und dicke V8 reißen die Design-Schnitzer in meinen Augen auch nicht mehr raus. Dass mit Thomas‘ 1983er Pontiac Parisienne und mir also Welten aufeinander prallen, ist nun wirklich keine Übertreibung. Doch was für ein Autofan wäre ich, die von Thomas angebotene Spritztour abzulehnen? Also entschließe ich mich, dem alten Blech aus Kanada eine Chance zu geben. Kanada? Ja, richtig gelesen: Die nun im Münsterland beheimatete Limousine mit den Ausmaßen eines Schlachtschiffes wurde zwar nicht in den USA gebaut, verkörpert dennoch all das, was einen amerikanischen Oldtimer so ausmacht: Unter der Haube ein schier riesiger V8 mit fünf Litern Hubraum, der überschaubare 150 PS entwickelt, eine plüschige Innenausstattung mit zwei couchartigen Sitzbänken vorne und hinten und eine Automatik mit Pistolengriff.

Pontiac Parisienne

So wie ich rechts neben Thomas im Stoff versinke, startet er seinen Parisienne und erweckt das Monstrum zum Leben. Währenddessen fällt mein Blick auf die für europäische Augen doch extrem eigenwillige Armaturentafel: hoch aufragend, aber in der Tiefe extrem flach. Ohne Mittelkonsole, weshalb der riesige Fußraum ins Auge sticht. Und jede Menge Holz, was aber tatsächlich keines ist, da aus Plastik. „Wenn der Motor kalt ist, hörst du ihn kaum“, erklärt Thomas schon auf den ersten Metern mit seinem Parisienne, weshalb das Kraftwerk unter der Motorhaube, groß wie eine Tischtennisplatte, kaum wahrzunehmen ist. Dass der Keilriemen auf den ersten Metern dafür umso lauter ist, könnte meine Vorurteile gegenüber Amis zwar bestätigen – aber fair wie ich bin, schreibe ich es dem Alter von 34 Jahren zu.

Pontiac ParisienneDer Pontiac hat eine Dreigang-Automatik, erfahre ich am Ortsausgang. Durch den Overdrive hat der Ami aber doch so etwas wie den vierten Gang, der geschmeidiges Cruisen im relativ Drehzahl-armen Bereich erlaubt. Eine Fähigkeit, die wohl so ziemlich allen Amis zugeschrieben wird und die ich prompt auch selbst erfahren darf – im wahrsten Sinne des Wortes. Thomas muss nämlich meinen mehr als interessierten Blick wahrgenommen haben, ignoriert glücklicherweise mein vorheriges Gekeile gegen alte Amis, fährt mit den Worten „Komm, kannst auch mal fahren“ rechts ran und lässt mich ans Steuer. Wie schon auf der Beifahrerseite, falle ich auch links beim Einstieg bis nach China, werde aber vom weichen, tiefbraunen Stoff wieder sanft aufgefangen. Nach Möglichkeiten, die Sitzposition zu ändern, brauche ich gar nicht erst zu suchen. Sie haben sich bei einer Sitzbank ohnehin erledigt.

Pontiac ParisienneKurze Erklärung zum Pistolengriff, der für mich – wie auch überhaupt mal einen Ami fahren zu können – eine waschechte Premiere ist. „Zu dir ziehen und dann den Gang einlegen, das war’s“, lautet Thomas‘ Erklärung. Gesagt – getan, mache ich mit dem Fuß auf der Bremse den Schulterblick, um mich wieder in den Verkehr einzufädeln. „Das ist aber wirklich ein Schlachtschiff“, denke ich beim Anblick auf das ewig lange Heck durch das so steile Heckfenster erneut. Bei der nächstbesten Lücke drücke ich aufs Gas und bin überrascht, wie schnell der Parisienne darauf reagiert. Und bin nochmal überrascht, wie träge dagegen die Lenkung ist. Gefühlt lässt sich das Lenkrad um 180 Grad drehen, ohne das etwas passiert. Tatsächlich aber benötigt der Pontiac schon eine Gedenksekunde, bis der Lenkbefehl an den Weißwand-bereiften Rädern ankommt. Gerade in den engen Kreisverkehren im Münsterland eine kleine Herausforderung.Pontiac Parisienne„Brems mal endlich“, kommt es plötzlich von rechts, als ich eine 90-Grad-Rechtskurve in dem von mir sonst gewohnten Tempo avisiere. Der Pontiac Parisienne ist zu groß, zu schwer und zu schwerfällig, um eine Kurve derart rasant zu nehmen. Überhaupt ist so etwas wie Dynamik für den Parisienne kein Thema: Er ist ein Gleiter, der den ruhigen Geradeauslauf schätzt und die zurückhaltende Fahrweise mit einer wogenden Federung dankt. Den linken Arm auf der Ellenbogenablage in der Tür und den rechten auf der Mittelarmlehne gestützt, nehme ich eine ähnliche Haltung ein wie beim Fernsehabend auf der Couch. Untermalt vom nun endlich auch bollernden V8-Sound, erhalte ich zum ersten Mal eine echte Vorstellung davon, was mit dem Cruisen auf Amerikas Highways gemeint sein könnte. Eine neue, ganz andere Form von Fahrspaß, wie ich beim Ausrollen auf Thomas‘ Garagenhof feststelle.

Info: Der 1983er Pontiac Parisienne steht zum Verkauf. Hier gibt es alle weiteren Informationen.

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Wie ein Golf mich das Fahren lehrte!

23.58 Uhr am 25. April 2009 … ich sitze im Auto, zähle die Sekunden herunter. Um mich herum ist es dunkel. Tiefste Nacht. 23.59 Uhr. Noch eine Minute und ich darf den Autoschlüssel mit dem blau-weißen VW-Zeichen ins Schloss führen, den Motor anlassen und losfahren. Es ist der Vorabend zu meinem Geburtstag, genau genommen, zu meinem 18. Geburtstag, und die mit ihm verbundene Erlaubnis, endlich allein Auto fahren zu dürfen. Nur eineinhalb Jahre zuvor hatte ich mich aufgeregt für den Führerschein angemeldet und noch lange vor meinem 17. Geburtstag bereits alle Prüfungen absolviert – erfolgreich, natürlich. Der rosa Lappen war der Lohn für die Mühen, mit dem ich sogar schon vor meinem 18. Geburtstag Auto fahren durfte, wenn auch nur mit einer der eingetragenen Begleitpersonen. Nun, ein Jahr später, sitze ich hier also und warte darauf, dass die Uhr im Drehzahlmesser auf Null umspringt.

VW Golf 3 Cabrio

Ich brauchte gar nicht groß zu bitten: Natürlich – so mein Vater – dürfe ich sein geliebtes VW Golf Cabrio für meine Jungfernfahrt ausleihen. Wobei mir das Verdeck gar nicht recht nützt. Obwohl Ende April, ist es regnerisch und obendrein auch noch ganz schön kalt. Doch angesichts der Aufregung, der Freude und der bald neu gewonnenen Freiheit, wird das Wetter zur Nebensächlichkeit.

Endlich! 0 Uhr, 26. April 2009. Die Ziffern im Tacho zeigen es an. Mein Geburtstag ist da, ich bin offiziell 18. Also Schlüssel rein und Motor gestartet. Und schon wenige Meter nach dem Start merke ich, dass sich meine Aufregung wieder legt und dass sich meine erste Alleinfahrt eigentlich genauso anfühlt, wie die letzte Fahrt kurz zuvor am Nachmittag mit meinen Eltern. Unsicheres Schalten, Nervosität oder gar Angst? Das alles ist für mich nach einem Jahr begleiteten Fahrens kein Thema mehr. Weshalb meine Gedanken mit der Auffahrt auf die Bundesstraße in Richtung Süden und Rheinland-Pfalz sogar an die Anfänge meines Fahrens abdriften können.

VW Golf 3 Cabrio

Mit der Jungfernfahrt heute Nacht schließt sich gewissermaßen ein Kreis: Nicht nur, weil es der Moment ist, dem ich seit Jahren entgegenfiebere. Sondern auch, weil wirklich alle meine ersten Erfahrungen am Steuer eines Autos mit dem VW Golf Cabrio meines Vaters verknüpft sind. 1998 kam das „Erdbeerkörbchen“ zu uns und in den Sommern danach haben mein Vater und ich zahlreiche Spazierfahrten unternommen, Verdeck und Fenster heruntergelassen, unsere Lieblingsmusik eingeschmissen und das gute Wetter genossen. Und bei den Fahrten durfte ich vom Beifahrersitz aus immer mal wieder den neuen Gang einlegen. Mein Vater, der die Kupplung drückte, sein Sohn, der den Schalthebel bewegte. Nur wenige Jahre später, da muss ich 12 oder 13 Jahre alt gewesen sein, durfte ich sogar das allererste Mal selbst ans Steuer. Wie das Väter mit ihren Söhnen eben so machen: in einer unbefahrenen Nebenstraße, ohne Leute oder geparkte Autos und dafür mit einer großen Auslaufzone.

VW Golf 3 Cabrio

War das aufregend, erinnere ich mich, während ich mit 80 auf der Bundesstraße vor mich hinrolle. Links von mir reflektiert der Rhein die Lichter der Häuser, alles andere wird vom Dunkel der Nacht verschluckt. Die Scheinwerfer leuchten die Straße vor mir aus. Ausgestorben ist sie. Kein Verkehr – außer mir. Meine Gedanken wandern also weiter, zu meinem 16. Geburtstag. Zu dem hatte mir mein Vater einen Tag auf einem Verkehrsübungsplatz geschenkt. Einen ganzen Tag lang habe ich mit dem Golf Cabrio das Anfahren, das Einparken und das Wenden in drei Zügen geübt und hatte dabei einen Heiden Spaß. Doch das, was mir damals fehlt, kann ich jetzt erstmalig erleben: das Auto ganz alleine zu fahren. Dass mich meine allererste Fahrt nur zum nächsten Fastfood-Restaurant und fettigen Fritten führt, ist dabei völlig unerheblich. In diesem Moment zählt nur, dass ich es endlich darf.

Das retardierende Moment

Was war das für ein Reinfall! Nahm ich doch extra einen Tag frei und verlängerte das Wochenende, um nach Bonn und zu meinem VW Passat 32B von 1987 zu fahren. Das Ziel war klar: ihn aus dem anderthalbjährigen Winterschlaf wecken. Doch anstatt an der Ölablassschraube zu drehen, rotierte vielmehr mein Magen – und der Passat blieb stehen.

VW Passat 32B in der Scheune

Was sich für mich stark nach der Dramatik einer griechischen Tragödie anfühlte – ähnlich steil ansteigend wie die Drehmomentkurve eines Lkw-Diesels. Nicht nur, dass der altgediente Variant seit Herbst 2015 unter seiner Schutzplane viel zu lange schon auf den nächsten Einsatz wartet. Nein, im Mai soll er doch auch endlich zu mir nach Hamburg ziehen – wofür er ja erstmal anspringen und durch die Hauptuntersuchung muss. Aber schon mit dem ersten Aprilwochenende und damit den ersten Wochenende nach der Krankheit fand die Tragödie ihr zumindest vorläufig gutes Ende. Sofern das retardierende, weil dramatisch hinauszögernde Moment nicht der Hauptuntersuchung überlassen ist – doch bin ich da durchaus guter Hoffnung. Zum einen sprang mein VW Passat 32B nicht nur bemerkenswert problemlos an – ein, zwei Mal hustete er kurz und drehte dann los, als habe er nie etwas anderes gemacht. Zum anderen aber nahm er auch prompt die ersten hundert Kilometer der Saison 2017 unter die Räder.

VW Passat 32B in der Saison 2017

Und auf jenen Kilometern merkte ich erst mal wieder, wie sehr ich meinen VW Passat 32B in den vergangenen anderthalb Jahren doch vermisst habe. Allein der Eigengeruch, der mich in die in diesem Zusammenhang schon öfters erwähnte Kindheit zurückversetzt. Da sind aber auch die großen Scheiben, die viel Licht in den Innenraum lassen – fast schon wie in einem dieser Alpen-Panoramazüge – und die Umwelt wieder ungewohnt naherücken. Das gleiche gilt für den im Vergleich zu modernen Autos doch so deutlich wahrnehmbaren Motor im Bug. Mit seinen 115 PS beschleunigt der Fünfzylinder den knapp über eine Tonne schweren Passat mit Leichtigkeit. Die Schaltung verlangt dabei eine gute Führung, das nicht ganz sauber zurückschwingende Kupplungspedal zudem einen flinken Fuß, der es wieder nach vorne zieht. Radio? Aus! Die zuvor abgeklemmte Batterie versetzte es in eine Schockstarre, die sich nur durch eine in Vergessenheit geratene PIN beenden lässt.

VW Passat 32B in der Saison 2017

Doch die Abwesenheit von Displays und Parkpipsern, die Reduzierung auf das Wesentliche und die typische Behäbigkeit eines alten Autos erzeugen eine Gelassenheit, die sich ganz und gar auf mich überträgt: Vorfreude, aber auch Nervosität, ob es nicht vielleicht doch Probleme geben könnte, wichen einem zufriedenen Grinsen, das sich weder beim Fahren noch beim Foto-Stop an meiner Lieblingsfotokulisse am Rhein ausknipsen ließ.

Nachdenken bei Richtgeschwindigkeit

Jeder hat einen Ort, seinen Ort, um nachzudenken. Der eine am Schreibtisch, der andere unter der Dusche, der dritte … na ja, lassen wir das. Bei mir ist es jedenfalls – Überraschung – das Auto. Das fällt mir erstmalig so richtig auf dem Weg von Hamburg nach Bonn auf. Zu Weihnachten. Auf der über 450 Kilometer langen Strecke in die alte Heimat zu meinen Eltern. Und als ich kurz nach dem Start in die gelbe Welt tief unter der Elbe eintauche, kommt mir, wie abgedroschen, der Weihnachts-Song „Driving home for Christmas“ in den Sinn. Auf Grundlage des Evergreens, der jedes Jahr nicht nur sprichwörtlich die Massen mobilisiert, müsste sich doch ein schöner Blogbeitrag schreiben lassen? Nur, dass in diesem Moment nicht Chris Rea aus den Boxen rödelt, sondern ein x-beliebiger Popsong. Aber wie ich es auch drehe und wende, mir scheint der Zusammenhang zwischen meiner Fahrt über die Autobahn, zwei Tage vor Weihnachten, und „Driving home for Christmas“ nicht nur offensichtlich sondern auch konstruiert.

Und wie ich so vor mich hin sinniere, fällt mir auf, wie gut ich bei der Monotonie des Tempomaten, der einigermaßen langweiligen Autobahn A1 zwischen Hamburg und Bremen und der Ruhe nachdenken kann. Ja, mein Ort zum Nachdenken ist das Auto. Hier denke ich nicht nur über neue Blogbeiträge nach oder darüber, wie sie sich am besten schreiben ließen – schließlich ist längst nicht jeder Text ein Selbstgänger. Hier, auf dem linken Stuhl meines Lieblingsdiesels besprechen meine Synapsen auch wichtige Fragen wie: Was möchte ich als nächstes an meinem Auto in Angriff nehmen? Investiere ich Erspartes lieber in die Lackierung mancher Kunststoffteile an meinem VW Scirocco oder doch lieber in ein neues Bücherregal? Schließlich fällt das alte, noch aus dem Erbe meines Opas, langsam aber sicher in sich zusammen.

Mein Auto, meine Denkmaschine. Wenn ich mich hineinsetze, den Gurt anschnalle und die ersten Kilometer meiner zahlreichen Autobahn-Etappen antrete, kehrt eine Ruhe ein, die der Alltag oft nicht bietet. Eine Denkmaschine, die mich an Sheldon, den autistisch anmutenden Charakter aus „Big Bang Theory“ erinnert, der sich bei schwerwiegenden wissenschaftlichen Problemen (er ist Physiker) seinen imaginären „Denkhelm“ aufsetzt. Nur dass ich in meinem Auto nicht physikalische, sondern viel eher Budgetrechnungen anstelle: etwa 100 Euro für einen Regel gegen schätzungsweise 600 Euro für Lackierarbeiten. Oder das Geld komplett sparen? Für den blauen Lieblings-Passat (32B), der aktuell sein abgemeldetes Schattendasein in einer Scheune bei Bonn fristet (Er hat meinen Schritt nach Hamburg nicht mitbegleitet, was mir regelmäßig Kopfzerbrechen bereitet). Schließlich ist ja noch einiges an ihm zu tun, er hat an einigen Stellen Rost. Luxusprobleme, ich weiß. Es ist ein Luxus, über solche Geldwerte für ein Hobby nachdenken zu können. Es ist auch ein Luxus, darüber nachdenken zu können, welchen der kommenden freien Tage ich für eine schöne Autowäsche – natürlich per Hand – nutze.

Und während ich schließlich wenige Kilometer vor meinem Ziel die gelbe Welt des Bad Godesberger Tunnels durchquere, stelle ich fest, wie gut es ist, solch einen Ort zum Nachdenken zu haben. Auch wenn er manchmal nicht zu einer Antwort führt, etwa, ob ein neues Regal die Lackierarbeiten am Scirocco ausstechen oder ich das Geld doch für den Passat spare. Aber die nächste Autobahnetappe kommt schon bestimmt. Und dann bestimmt auch die Antwort.

Rutschpartie

Mit gut 50 auf dem Tacho kommt das Hindernis so schnell, so überraschend, dass vor ihm eine Vollbremsung nicht mehr möglich ist. Also: Ausweichen – nach links! Und fast schon im gleichen Moment auch wieder nach rechts, um das Auto in der Spur zu halten. In der Spur, die in einer Linkskurve mündet. Meine Hände umklammern das Lenkrad, die Kontrolle darüber haben sie aber nicht mehr. Für den festgefahrenen Schnee ist das Auto einfach zu schnell. Die Reifen haben keine Haftung. Die Räder schieben in Richtung Kurvenäußeres, die Leitplanke kommt immer näher. Also weiterhin mit aller Macht nach links lenken und nicht weniger vehement bremsen. Bis die Waden schmerzen, bis das Schlittern aufhört und bis das Auto endlich sicher steht.

Kaltverformung vermieden! Besser gesagt: Ich hätte sie vermieden. Wäre das die Realität und nicht eine Übung im Fahrsicherheitstraining gewesen. Und im Grenzbereich. Der schmierige Untergrund war auch kein Schnee. Doch was in der Theorie nur eine unter Wasser gesetzte Multifunktionsfläche ist, bleibt in meiner Wahrnehmung auch im zweiten Versuch Schnee. „Und jetzt steigere die Geschwindigkeit nochmal“, rauschte und knackt es aus dem Funkgerät. „Weich dem Hindernis aus oder noch besser: Brems so, dass du vorher zum Stehen kommst.“ Das Hindernis – Wasserfontänen, die aus dem Boden schießen – nimmt bei 50 km/h bereits bedrohliche Züge an. Das vorherige Tempo jedoch ging im direkten Vergleich nahezu leicht von der Hand: Es waren 40 km/h.

Lancia am Limit

Eine Kulisse wie zu den Anfängen der Autorennen – zumindest so, wie wir es uns heute vorstellen: das 15. Stadtpark Revival in Hamburg. Nur wenige Barrieren trennen die Strecke vom Publikum, an den schnellsten oder gefährlichsten Punkten stehen vereinzelt Leitplanken. Sonst aber sorgen nur unzählige Heuballen für den nötigen Schutz der Teilnehmer – oder den der Besucher, die entlang des Rundkurses im Herzen Hamburgs stehen. Die Strecke führt über 1,7 Kilometer durch den Stadtpark, ist eng, verwinkelt, anspruchsvoll. Und während die Zuschauer gebannt zum Start schauen, laufen dort die Motoren der nächsten Rennklasse warm. Darunter auch der Lancia Delta HF Integrale, in dem ich als Co-Pilot neben Andreas sitze, nicht wissend, wie sich das Rennen entwickeln wird. Wie sich der Lancia im Pulk von PS-starken Porsche 911 oder schwächeren Ford Capri sowie allerlei Exoten schlagen wird? Wir die zwei Neulinge unter zig Teilnehmern des Rennens am 3. und 4. September 2016, während man die anderen getrost als Stammgäste bezeichnen kann.

Stadtpark Revival Hamburg 2016

Der Helm ist aufgesetzt, der Sicherheitsgurt nachgezogen. Andreas schaut prüfend auf die Öltemperatur: Ist der  Lancia Delta HF Integrale auch wirklich warm? Mehrere zehn Meter vor uns senkt sich in diesem Moment auch schon die Leine, die den Start von der Strecke trennt. Jemand gibt das Startsignal. Ob per Hand oder per Zuruf kriegen wir aus der vierten Reihe schon gar nicht mehr mit. Dass es los geht aber umso nachdrücklicher: Die Autos um uns herum stürmen los. Jagdhunde, die von der Leine gelassen wurden. Die Motoren brüllen, mit ihnen auch der Zweiliter-Vierzylinder des Lancia Delta HF Integrale. Endlich darf der Italiener mal zeigen, was er drauf hat. Sich mit ihnen messen. Sogar mit zeitgenössischen Konkurrenten, etwa der Alfa Alfetta GTV. Doch hat der Beschleunigungsrausch schon wenige hundert Meter später sein Ende. Die erste Schikane steht an, in die sich der Pulk nur so reinquetscht – etwa zehn Autos düsen über die Strecke. Durch die dicht gestellten Heuballen links und rechts schlängeln sie sich hindurch und treten anschließend erneut aufs Gas. Der Sound von Boxermotoren trifft auf das Surren der Vierzylinder und den Klang von V6-Aggregaten – es ist eine ganz eigene Tonalität.

Stadtpark Revival Hamburg 2016

Das Tempo ist hoch, überraschend hoch sogar. Die Teilnehmer sind nicht zum Stadtpark Revival nach Hamburg gekommen, um ihre Jahrzehnte alten Boliden zu schonen. Nein, hier werden die Reserven der Oldies noch einmal richtig herausgeholt. Ungeachtet der Enge, der aufwändigen Restaurierungen und der schwierigen Strecke. Dafür umso mehr zur Freude der Zuschauer. Vergessen sind Tempolimits, mahnende Worte der Veranstalter: Frei nach Darwin zählt hier auf der Strecke nur das Gesetz des Stärkeren. Und die bestimmen ganz klar die Urelfer, die sich bereits vor der ersten Schikane an den Langsamen des Teilnehmerfelds vorbeigeräubert haben. Aus einer der hinteren Reihen gestartet, sind wir hingegen mitten im Pulk. Der Lancia Delta HF Integrale? In seinem Element, unter den dicken Backen verbeißen sich die 17-Zöller dank Allradantrieb in den Asphalt. Der Turbo pfeift, möchte liebend gerne die 185 PS und 310 Newtonmeter Drehmoment aus den zwei Litern Hubraum herausholen – kann es aber nicht. Denn während sich die Porsche laut hörbar vom Acker machen, wird Andreas an der Haarnadelkurve von einem VW Scirocco ausgebremst. Ausgerechnet der piefige Scirocco, der den nüchternen VW-Zeitgeist ausströmt, gegen den rassigen Delta HF Integrale: Der VW-Fahrer schenkt seinem Boliden aber nichts, im Gegenteil. Mit bedrohlichen Hinternwacklern und einem Tanz auf annähernd drei Rädern schmeißt sich der Scirocco in die nächste Kurve, während sich der Lancia Delta HF Integrale bretthart an sein Heck heftet. Das Duell hat begonnen.

Stadtpark Revival Hamburg 2016

Die Strecke des Lancia Delta HF Integrale ist derart eng und verwinkelt, dass sie keinen Moment des Zögerns erlaubt. Wer überlegt, ob er überholen soll, hat in diesem Moment auch schon verloren. Und so ergibt sich das ein oder andere Mal, dass wir im Lancia Delta HF Integrale auf einer Höhe mit dem VW Scirocco auf die nächste Schikane zurasen, bis einer – in dem Falle Andreas – doch wieder zurückzieht. Jetzt aber hat er genug, zieht bei nächster Gelegenheit raus und bleibt diesmal auf dem Gaspedal. Auf Höhe mit dem Scirocco, zwingt er den VW-Fahrer zum Bremsen – schließlich passt durch die nächste Schikane nur ein Auto. Gerade eben vor dem nächsten Heuballen ziehen wir zurück auf die Spur. Duell beendet. Was sich wie eine kleine Ewigkeit anfühlt, waren lediglich fünf Runden oder – anders ausgedrückt – gerade einmal zehn Minuten. Dann ist das Rennen, zumindest unserer Klasse, schon wieder vorbei. Den Einsatz der Teilnehmer haben die Zuschauer am Streckenrand sichtlich genossen, auf der abgeflaggten Schau-Runde applaudieren sie und winken uns zu.

Bus in die Vergangenheit

„Rock around the clock“, rockt Bill Haley aus den Lautsprecherboxen, die vorn angeschlagene Einstiegstür klappt zu und mit einem leichten Stottern erwacht der 110 PS starke Sechszylinder-Diesel im Heck zum Leben. Willkommen in einer Zeitmaschine, willkommen an Bord des Mercedes-Benz O321H und zurück im Jahre 1960.

Mercedes O321H

Die Türschwelle des Mercedes-Benz O321H ist zugleich die Schwelle in ein anderes Zeitalter: Graues Kunstleder, wohin das Auge blickt, abgesetzt durch Unmengen von Chrom. Und all das in Szene gesetzt durch großzügige Dachfenster, die den Passagieren den Blick in den Himmel ermöglichen. Sogar der Fahrer des 9,3-Tonnen-Busses scheint den 1960ern des O321H entsprungen: weiße Hose, weißes Hemd und der verschnörkelte Schriftzug „Autobus Pütz“. Im stilechten Auftritt also begrüßt Fahrer und O321H-Besitzer Uwe Pütz die Geburtstagsgesellschaft, die im O321H eine Ausfahrt machen möchte. Sein zweites Leben als Ausflugsbus im Rheinland hat der Mercedes-Benz O321H dem Kölner Uwe Pütz zu verdanken. Der holte nämlich den Mercedes-Bus 1992 aus der Steiermark, wo der O321H über dreißig Jahre harten Alltagseinsatz als Schulbus geleistet hat. Ein Umstand, der sich auch im Blech wiederfand: eine abgenutzte Innenausstattung, ein abgerockter Motor und natürlich eine Menge Macken im und unterm Blech.

Mercedes O321H

Es verwundert kaum, dass O321H-Fahrer Pütz berichtet, er habe für die Restaurierung des Mercedes-Busses neun Jahre oder 7000 Arbeitsstunden gebraucht – überwiegend in Eigenregie. Doch bei den Schweißarbeiten am Rahmen nahm auch Pütz schließlich Hilfe in Anspruch. Karosseriespezialist Vetter aus Fellbach unterstützte den Neuaufbau des Mercedes nach Kräften. Vetter hat seinerzeit zig Aufbauten auf Basis des Mercedes-Benz O321H erstellt. Ein weiterer schwieriger Punkt: der Motor. Der original 110 PS starke Sechszylinder-Diesel mit 5,1 Litern Hubraum war auf der Strecke geblieben. So musst Uwe Pütz für den originalgetreuen Aufbau des O321H einen Ersatzmotor auftreiben. Ein Militär-O321H spendete schließlich seinen Motor, wie er seinerzeit auch bei der Auslieferung des Mercedes-Benz O321H verbaut war. Nicht weniger kraftraubend war die Aufbereitung der ramponierten und zudem auch noch stark geplünderten Innenausstattung des Mercedes-Benz O321H – sie ließ sich nicht mehr retten. Neues musste her. Pütz fand in mühseliger Suche die Ausstattungen dreier O321H, die kurz vor der Verschrottung standen. Erst dann war ausreichend Kunstleder für den Bezug des Armaturenbretts und der Bestuhlung da.

Mercedes O321H

Und auf eben der sitzt nun laut und vergnügt jene Geburtstagsgesellschaft, die den 60. des Geburtstagskindes feiert. Eine Generation, die den Mercedes-Benz O321H selbst noch als Schul- oder Ausflugsbus erlebt hat. Und es war das Geschenk des Jubilars an sich selbst, eben solch eine Fahrt im O321H noch einmal erleben zu dürfen. Eine Begeisterung, die Uwe Pütz mit Erzählungen aus den Zeiten, in denen der O321H selbst noch ganz jung war, nur noch weiter anheizt. Über das Mikrofon erzählt Pütz den Gästen, dass die Radio-Mikrofonanlage des Mercedes-Benz O321H eine alles andere als billige Innovation war. Mit rund 1500 D-Mark damals etwa halb so teuer wie ein VW Käfer. Überhaupt: Was seinerzeit riesig, schnell – womit im Übrigen auch Mercedes selbst geworben hat – und somit die Krone der Technik war, erscheint nicht nur den Auto-affinen Geburtstagsgästen über 50 Jahre später geradezu knuffig. Die Zeiten, dass ein Bus lediglich 38 Sitzplätze anbietet, bei einer Außenlänge von 9,23 Metern nur 9,3 Tonnen wiegt und mit allerhöchstens 85 km/h über die Autobahn in den Italienurlaub fährt, sind schlicht vorbei.

Mercedes O321H

Umso mehr lassen sich die Passagiere von der zumindest nach heutigen Maßstäben bewussten Langsamkeit des Mercedes-Benz O321H bei Hoch- und Runterschalten mit Zwischengas, von der urigen und detailverliebten Innenausstattung samt Gardinen und Gepäckbrücken verzücken. So schafft ein Bus, der als einer von insgesamt 18.000 Mercedes-Benz O321H im Jahr 1960 in Mannheim vom Band lief, was auch die modernste Technik nicht hinzukriegen vermag: Er versetzt seine Passagiere, den 50er- und 60er-Jahren entsprungen, wieder zurück in ihre Kindheit – bis Bill Haley und der Sechszylinder-Diesel im Heck verstummen, die Einstiegstür aufklappt und die Passagiere des Mercedes-Benz O321H wieder in der Gegenwart angekommen sind.