VW T1

Einmal am Steuer eines T1

„Du bist dran.“ Selten bedeuteten mir diese drei Worte so viel wie in diesem Moment, als Kumpel Sebastian schlüsselklimpernd vor mir und dem (leider nur angemieteten) Traum aller Träume steht: einem VW T1 in der Farbkombination Creme-Rot. Ich also am Steuer des Bullis? Am Steuer jenes Autos, das auf dem Oldtimermarkt zu schwindelerregenden Summen den Besitzer wechselt? Was bis zum Zeitpunkt des ersten abgewürgten Startversuchs nicht voll umfänglich bis zu meinem Gehirn vorzudringen scheint, holt das Denkzentrum bei der Herausforderung, den ersten Gang einzulegen, mit der Schlagkraft von Mohamed Ali wieder ein. Der eine oder andere ältere Leser wird sich womöglich selbst noch dran erinnern, dass so ein VW T1 kein Quell besonders direkter Lenkung oder Schaltung war. Aber wer den Schalthebel mit einer sensiblen wie tatterigen Hand – nein, kein Widerspruch! – führt, der ertastet die gefühlt in alle Himmelsrichtung verlaufenden Schaltwege der Viergang-Box.

VW T1

Der erste Gang ist drin, ich drücke das Gaspedal im kurzen Fußraum des VW T1 runter und lasse den herrlichen Boxer im Heck erklingen: Gemütliche 44 PS holt der kompakte Käfermotor aus seinen 1,5 Litern Hubraum, um den rundum-, aber nicht dachverglasten und deshalb manchmal „Mindersamba“ genannten Bulli auf Geschwindigkeit zu bringen. Überhaupt: das Thema Geschwindigkeit. Es benötigt nur wenige Hundert Meter und eine Kurve, um „Tempo“ neu zu definieren. Es ist, als würden alle bisherigen Erfahrungen wie Kreide auf einer Tafel ausgewischt. Ich steuere mit selbstbewussten 60 Sachen auf die erste, nun wahrlich nicht scharfe Kurve zu, als es vom rechten Platz der kunstlederbezogenen Sitzbank ertönt: „Ruhig, Brauner.“ Ich drücke auf die Bremse. Oder vielmehr das, was die Bremse des Autos sein soll. Vier Trommelbremsen und – oh Wunder, das gab es 1968 noch nicht – der fehlende Bremskraftverstärker eröffnen mir auch hier neue Dimensionen. In gefühlter Zeitlupe, in Wahrheit vermutlich nur unwesentlich schneller reduziert der VW T1 seine Geschwindigkeit und wankt schließlich in und um die Kurve.

Wie zur Belohnung stehen am Ende der Kurve begeisterte Passanten, die uns, aber wohl doch viel eher dem aus Brasilien importierten VW T1 zujubeln. Der 2015 restaurierte Südamerikaner macht seiner Herkunft alle Ehre, erobert die Herzen anderer Verkehrsteilnehmer schneller und leidenschaftlicher als jede Samba-Tänzerin. Was den Zuschauern wohl kaum auffällt: Der Brasilien-Import hat mit unserem T1 trotz aller oberflächlicher Ähnlichkeiten vergleichsweise wenig gemein. Das VW-Emblem an der Front ist beispielsweise geprägt und nicht wie hierzulande verschraubt. Die schmale Heckklappe war in Deutschland im Jahre 1968 schon längst einer breiten Ausführung gewichen, die „Mindersambas“ – also rundum verglaste Bullis mit raumgreifenden Eckfenstern am Heck – unmöglich machte. Und die Scharniere der Seitentüren weisen einen größeren Abstand auf als bei deutschen Exemplaren, der zugehörige Türgriff hat zudem keine Mulde. Womit noch längst nicht alle, aber die wohl auffälligsten Unterschiede zwischen deutschem und brasilianischem VW T1 aufgezählt wären.

VW T1

Ob die beiden in ihrem Charakter gleich sind, schießt mir die Frage durch den Kopf. Während ich über Unterschiede und Gemeinsamkeiten sinniere, zieht der VW T1 eine geradezu verblüffend geduldige Schlange an Autos hinter sich her. Von der ich aber nicht nur wegen der Gedankenspiele wenig mitkriege: Das liegt an der geduckten Haltung, da die Sitzposition hoch und im Verhältnis dazu die Scheiben niedrig angesetzt sind. Es bedeutet Arbeit, in den kleinen Innen- wie Außenspiegeln das zu erhaschen, was man auch wirklich sehen möchte. Es liegt auch an der Lenkung, die im Mittelpunkt zumindest gefühlt nahezu ohne Kontakt zu den Vorderrädern arbeitet und daher unzählige Korrekturen erfordert. Und es liegt ganz einfach daran, dass mich der VW T1 in seinen Bann zieht. Das Auto ist wie eine Droge, die Fahrt ein Rausch. Gas geben, kuppeln, sachte den Gang einlegen und wieder von der Kupplung gehen, erneut Gas geben und dem Motorengeräusch aus dem Heck lauschen. Vehement füllt der luftgekühlte Boxer den lichtdurchfluteten wie cremefarbenen Innenraum mit seinem ganz eigenen Klang. Das Gespräch mit Sebastian weicht einem andächtigen Lauschen. Manchmal sagt Stille mehr als tausend Worte.VW T1

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