VW Passat 32B & VW Passat B8

Ein Vergleich, der keiner sein darf

Der Wagen schüttelt sich, ich mühe die Gangschaltung, manchmal schwergängig wegen der hydraulichen Kupplung, und hakel den Ganghebel mit dem sich ständig drehenden Schaltknauf in den nächsten Gang. Ich gebe Gas, garniert vom typisch unruhigen Fünfzylinder-Sound. In meinem 1987er VW Passat 32B fahre ich meinem Vater hinterher. Er seinerseits in einem Passat, allerdings dem B8 von 2015. Wir sind auf den Weg zum Hamburger Hafen, zur Freifläche nahe der MS Stubnitz am Rande der Hafen City. Inmitten von Brachflächen, die schon bald keine mehr sein werden. Unsere beiden Passats kommen nebeneinander zum Stehen, kurz vor der Kaimauer, wenige Meter vor dem kalten Grau der Elbe.

VW Passat 32B & VW Passat B8

Die Kulisse, vor der die beiden Autos stehen, ist sinnbildlich. Dort der schmutzige, pulsierende Hafen, hier die Hafencity, die Moderne, das Sterile. Zwei Autos, die zwar ein und denselben Namen tragen und doch grundverschieden sind. Was gut dreißig Jahre bedeuten können, in denen der Euro die D-Mark verdrängt, das geteilte Deutschland sich wiedervereint und das elektronische das mechanische Zeitalter abgelöst hat, zeigt nur ein Blick auf die beiden VW Passat. Die zweite Generation, der VW Passat 32B, die geradezu keck aus ihren eckigen Frontscheinwerfern in die Welt schaut und mit ihren kleinen, unlackierten Stoßstangen für heutige Verhältnisse geradezu zierlich dasteht. Daneben die achte Passat-Generation, der VW Passat B8 – selbstbewusst, breit und wuchtig. Der Blick? Streng und kritisch. Perfektion ist der Begriff, den dieser VW ganz für sich zu vereinnahmen scheint.

VW Passat 32B & VW Passat B8

Perfektion, mit der ein VW Passat 32B von 1987 nicht dienen kann. Schon für damalige Verhältnisse war der Oldie ein Spätzünder in der Sicherheitstechnik. Fuhr ein Ford Scorpio seinerzeit schon serienmäßig mit ABS durch die Gegend, war ausschließlich für den allradgetriebenen Syncro ABS erhältlich – gegen einen Aufpreis von über 3000 D-Mark! Von Airbags, ESP oder Assistenzsystemen mal ganz zu schweigen. Dinge, die für den jüngsten aller Passats so selbstverständlich sind, wie für junge Leute wie mich das Smartphone. Setze ich mich in den VW Passat B8, der außen wie innen den gleichen kühlen Perfektionsmus verströmt, beantwortet sich womöglich die Frage, warum Assistenzsysteme in aller Munde sind. Die Umwelt ist weit entrückt, schmale und hinten zusätzlich getönte Scheiben engen das Sichtfeld in jeglicher Richtung ein. Und spätestens die für Karosseriesteifigkeit und Airbags so dicken Säulen nehmen einem die letzte Chance, das Auto ordentlich einschätzen zu können.

VW Passat 32B & VW Passat B8

Ganz anders im VW Passat 32B, der einem so viel schmächtiger und zierlicher vorkommt. Und er ist es auch: eine Smartphone-Länge schmaler, in der Länge macht der Größenunterschied sogar schon ein ganzes Tablet aus. Und wer wie ich das Vergnügen hat, sich in den Oldie setzen und ihn durch volle Innenstädte wie Hamburg fahren zu können, wird sich zwangsläufig an den (gläsernen) Schneewittchensarg erinnert fühlen. Von allen Seiten dringt Licht herein, viel Licht sogar. Große Fensterflächen und dünne Holme ermöglichen eine super Rundumsicht, garniert von den so dünnen, kaum gedämmten Türen, die das Verkehrsgeschehen physisch und akustisch ganz nah heranlassen. Ebenso nah und direkt vor der Nasenspitze sitzt die recht steile Windschutzscheibe.

VW Passat 32B & VW Passat B8

Doch sitzt man im alten VW Passat 32B nicht nur näher an Frontscheibe oder Türen, sondern insgesamt auch einfach beengter. Vor meiner Nase baut sich ein Armaturenbrett auf, über das der junge Bruder nur lachen könnte. Mit Spaltmaßen, wie sie Spaltmaßenpapst Ferdinand Piëch oder Ex-VW-Chef Winterkorn gehasst hätten, mit hartem Plastik und nur karg beleuchtet. Es mutet schon fast ironisch an, dass ich bei jeder Fahrt aufs Neue eine Ablagefläche für mein Handy suche. Eine Marotte eines alt-ehrwürdigen Autos. So wie eine der beiden spärlich leuchtenden LED, ach, was sage ich … Glühbirnchen im Tacho, die regelmäßig ausfällt. Was bei einem modernen Auto – etwa dem VW Passat B8 – für Ärger sorgen würde, lässt mir beim Oldie das Herz aufgehen. Ein Auto mit Ecken, Kanten – und einem nicht mehr zeitgemäßen Spritverbrauch.

VW Passat 32B & VW Passat B8

Acht, neun oder sogar mal zehn Liter gönnen sich die fünf Töpfe unter der Tischtennisplatten-großen Motorhaube auf hundert Kilometer. Für ein Auto dieser Größe in heutigen Zeiten ein Unding, so die scheinbar einhellige Meinung. Dass mit dem Sparwahn und dem Downsizing aber auch oft der Fahrspaß bergab geht, beweist der Oldie auch – und dreht dem nagelnden Diesel-Kollegen eine lange Nase. Sein 2,2-Liter-Fünfzylinder schnoddert trotz serienmäßiger Auspuffanlage den typisch sonor-kernigen Motorsound in die Umwelt, macht mit steigender Drehzahl jede einzelne seiner 115 Pferdestärken spürbar und spätestens jenseits der 3000 Umdrehungen einen Krawall, wie man ihn bei einem Familienkombi jener Zeit kaum vermuten würde. Dass der VW Passat 32B mit seinen leichten 1120 Kilogramm trotzdem nicht mehr konkurrenzfähig ist, liegt am technologischen Fortschritt.

VW Passat 32B & VW Passat B8

„Du hast einen Turbo?“, staunt der VW Passat 32B. Zu seiner Zeit noch etwas ganz besonderes, ist der Turbolader spätestens mit der Erfolgsgeschichte des TDI salonfähig geworden. Trotz 0,2 Liter weniger Hubraum entwickelt der Passat der Gegenwart 150 PS, hat mit 340 Newtonmetern Drehmoment fast 200 mehr als sein Urahn und trotzdem sauberere Abgase. Katalysator und Partikelfilter schubsen den modernen TDI mit Euro 6 in eine Schadstoffklasse, die für den Oldie unvorstellbar gewesen sein muss. Und würden die beiden VW Passat gegeneinander antreten, so wäre der alte dem jungen hoffnungslos unterlegen. Doch wer wie der VW Passat B8 schneller weg ist, ist auch eher aus der Wahrnehmung. Und so bleiben: eine hakelige Gangschaltung, eine unzuverlässige Glühbirne im Tacho und ein herrlich unangepasster Fünfzylinder-Sound!

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