VW Scirocco

Nachdenken bei Richtgeschwindigkeit

Jeder hat einen Ort, seinen Ort, um nachzudenken. Der eine am Schreibtisch, der andere unter der Dusche, der dritte … na ja, lassen wir das. Bei mir ist es jedenfalls – Überraschung – das Auto. Das fällt mir erstmalig so richtig auf dem Weg von Hamburg nach Bonn auf. Zu Weihnachten. Auf der über 450 Kilometer langen Strecke in die alte Heimat zu meinen Eltern. Und als ich kurz nach dem Start in die gelbe Welt tief unter der Elbe eintauche, kommt mir, wie abgedroschen, der Weihnachts-Song „Driving home for Christmas“ in den Sinn. Auf Grundlage des Evergreens, der jedes Jahr nicht nur sprichwörtlich die Massen mobilisiert, müsste sich doch ein schöner Blogbeitrag schreiben lassen? Nur, dass in diesem Moment nicht Chris Rea aus den Boxen rödelt, sondern ein x-beliebiger Popsong. Aber wie ich es auch drehe und wende, mir scheint der Zusammenhang zwischen meiner Fahrt über die Autobahn, zwei Tage vor Weihnachten, und „Driving home for Christmas“ nicht nur offensichtlich sondern auch konstruiert.

Und wie ich so vor mich hin sinniere, fällt mir auf, wie gut ich bei der Monotonie des Tempomaten, der einigermaßen langweiligen Autobahn A1 zwischen Hamburg und Bremen und der Ruhe nachdenken kann. Ja, mein Ort zum Nachdenken ist das Auto. Hier denke ich nicht nur über neue Blogbeiträge nach oder darüber, wie sie sich am besten schreiben ließen – schließlich ist längst nicht jeder Text ein Selbstgänger. Hier, auf dem linken Stuhl meines Lieblingsdiesels besprechen meine Synapsen auch wichtige Fragen wie: Was möchte ich als nächstes an meinem Auto in Angriff nehmen? Investiere ich Erspartes lieber in die Lackierung mancher Kunststoffteile an meinem VW Scirocco oder doch lieber in ein neues Bücherregal? Schließlich fällt das alte, noch aus dem Erbe meines Opas, langsam aber sicher in sich zusammen.

Mein Auto, meine Denkmaschine. Wenn ich mich hineinsetze, den Gurt anschnalle und die ersten Kilometer meiner zahlreichen Autobahn-Etappen antrete, kehrt eine Ruhe ein, die der Alltag oft nicht bietet. Eine Denkmaschine, die mich an Sheldon, den autistisch anmutenden Charakter aus „Big Bang Theory“ erinnert, der sich bei schwerwiegenden wissenschaftlichen Problemen (er ist Physiker) seinen imaginären „Denkhelm“ aufsetzt. Nur dass ich in meinem Auto nicht physikalische, sondern viel eher Budgetrechnungen anstelle: etwa 100 Euro für einen Regel gegen schätzungsweise 600 Euro für Lackierarbeiten. Oder das Geld komplett sparen? Für den blauen Lieblings-Passat (32B), der aktuell sein abgemeldetes Schattendasein in einer Scheune bei Bonn fristet (Er hat meinen Schritt nach Hamburg nicht mitbegleitet, was mir regelmäßig Kopfzerbrechen bereitet). Schließlich ist ja noch einiges an ihm zu tun, er hat an einigen Stellen Rost. Luxusprobleme, ich weiß. Es ist ein Luxus, über solche Geldwerte für ein Hobby nachdenken zu können. Es ist auch ein Luxus, darüber nachdenken zu können, welchen der kommenden freien Tage ich für eine schöne Autowäsche – natürlich per Hand – nutze.

Und während ich schließlich wenige Kilometer vor meinem Ziel die gelbe Welt des Bad Godesberger Tunnels durchquere, stelle ich fest, wie gut es ist, solch einen Ort zum Nachdenken zu haben. Auch wenn er manchmal nicht zu einer Antwort führt, etwa, ob ein neues Regal die Lackierarbeiten am Scirocco ausstechen oder ich das Geld doch für den Passat spare. Aber die nächste Autobahnetappe kommt schon bestimmt. Und dann bestimmt auch die Antwort.

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