Mercedes O321H

Bus in die Vergangenheit

„Rock around the clock“, rockt Bill Haley aus den Lautsprecherboxen, die vorn angeschlagene Einstiegstür klappt zu und mit einem leichten Stottern erwacht der 110 PS starke Sechszylinder-Diesel im Heck zum Leben. Willkommen in einer Zeitmaschine, willkommen an Bord des Mercedes-Benz O321H und zurück im Jahre 1960.

Mercedes O321H

Die Türschwelle des Mercedes-Benz O321H ist zugleich die Schwelle in ein anderes Zeitalter: Graues Kunstleder, wohin das Auge blickt, abgesetzt durch Unmengen von Chrom. Und all das in Szene gesetzt durch großzügige Dachfenster, die den Passagieren den Blick in den Himmel ermöglichen. Sogar der Fahrer des 9,3-Tonnen-Busses scheint den 1960ern des O321H entsprungen: weiße Hose, weißes Hemd und der verschnörkelte Schriftzug „Autobus Pütz“. Im stilechten Auftritt also begrüßt Fahrer und O321H-Besitzer Uwe Pütz die Geburtstagsgesellschaft, die im O321H eine Ausfahrt machen möchte. Sein zweites Leben als Ausflugsbus im Rheinland hat der Mercedes-Benz O321H dem Kölner Uwe Pütz zu verdanken. Der holte nämlich den Mercedes-Bus 1992 aus der Steiermark, wo der O321H über dreißig Jahre harten Alltagseinsatz als Schulbus geleistet hat. Ein Umstand, der sich auch im Blech wiederfand: eine abgenutzte Innenausstattung, ein abgerockter Motor und natürlich eine Menge Macken im und unterm Blech.

Mercedes O321H

Es verwundert kaum, dass O321H-Fahrer Pütz berichtet, er habe für die Restaurierung des Mercedes-Busses neun Jahre oder 7000 Arbeitsstunden gebraucht – überwiegend in Eigenregie. Doch bei den Schweißarbeiten am Rahmen nahm auch Pütz schließlich Hilfe in Anspruch. Karosseriespezialist Vetter aus Fellbach unterstützte den Neuaufbau des Mercedes nach Kräften. Vetter hat seinerzeit zig Aufbauten auf Basis des Mercedes-Benz O321H erstellt. Ein weiterer schwieriger Punkt: der Motor. Der original 110 PS starke Sechszylinder-Diesel mit 5,1 Litern Hubraum war auf der Strecke geblieben. So musst Uwe Pütz für den originalgetreuen Aufbau des O321H einen Ersatzmotor auftreiben. Ein Militär-O321H spendete schließlich seinen Motor, wie er seinerzeit auch bei der Auslieferung des Mercedes-Benz O321H verbaut war. Nicht weniger kraftraubend war die Aufbereitung der ramponierten und zudem auch noch stark geplünderten Innenausstattung des Mercedes-Benz O321H – sie ließ sich nicht mehr retten. Neues musste her. Pütz fand in mühseliger Suche die Ausstattungen dreier O321H, die kurz vor der Verschrottung standen. Erst dann war ausreichend Kunstleder für den Bezug des Armaturenbretts und der Bestuhlung da.

Mercedes O321H

Und auf eben der sitzt nun laut und vergnügt jene Geburtstagsgesellschaft, die den 60. des Geburtstagskindes feiert. Eine Generation, die den Mercedes-Benz O321H selbst noch als Schul- oder Ausflugsbus erlebt hat. Und es war das Geschenk des Jubilars an sich selbst, eben solch eine Fahrt im O321H noch einmal erleben zu dürfen. Eine Begeisterung, die Uwe Pütz mit Erzählungen aus den Zeiten, in denen der O321H selbst noch ganz jung war, nur noch weiter anheizt. Über das Mikrofon erzählt Pütz den Gästen, dass die Radio-Mikrofonanlage des Mercedes-Benz O321H eine alles andere als billige Innovation war. Mit rund 1500 D-Mark damals etwa halb so teuer wie ein VW Käfer. Überhaupt: Was seinerzeit riesig, schnell – womit im Übrigen auch Mercedes selbst geworben hat – und somit die Krone der Technik war, erscheint nicht nur den Auto-affinen Geburtstagsgästen über 50 Jahre später geradezu knuffig. Die Zeiten, dass ein Bus lediglich 38 Sitzplätze anbietet, bei einer Außenlänge von 9,23 Metern nur 9,3 Tonnen wiegt und mit allerhöchstens 85 km/h über die Autobahn in den Italienurlaub fährt, sind schlicht vorbei.

Mercedes O321H

Umso mehr lassen sich die Passagiere von der zumindest nach heutigen Maßstäben bewussten Langsamkeit des Mercedes-Benz O321H bei Hoch- und Runterschalten mit Zwischengas, von der urigen und detailverliebten Innenausstattung samt Gardinen und Gepäckbrücken verzücken. So schafft ein Bus, der als einer von insgesamt 18.000 Mercedes-Benz O321H im Jahr 1960 in Mannheim vom Band lief, was auch die modernste Technik nicht hinzukriegen vermag: Er versetzt seine Passagiere, den 50er- und 60er-Jahren entsprungen, wieder zurück in ihre Kindheit – bis Bill Haley und der Sechszylinder-Diesel im Heck verstummen, die Einstiegstür aufklappt und die Passagiere des Mercedes-Benz O321H wieder in der Gegenwart angekommen sind.

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